Programm: Jenseits der Sklavenmoral

Jensseits der Sklavenmoral: Ethik als Tool zur Weltververänderung

Michael SeemannDie Umwälzungen des Digitalen verändern die Umstände unseres Daseins. Technologien verändern kulturelle Praktiken, welche die Politik verändern und somit auch die Parameter dessen, was wir als “Gut” bezeichnen. Das Gute zu tun war zu allen Zeiten eine schwierige Sache, aber besonders in Zeiten des Umbruchs. Vor allem deswegen, weil die Einschätzung einer Handlung immer eine Nachträgliche ist, oft eine geschichtliche. Eine Ethik, die in der Zukunft bestand haben will, muss also fragen, was unter den sich aktuell verändernden Bedingungen, dereinst als Gut bezeichnet werden wird. Zwei Beispiele möchte ich ausführen:

1. Unsere Ethik der Verteilung ist nicht mehr zeitgemäß. Die Rechtfertigung von Verteilung über Äquivalenz und Reziprozität einerseits und dem Leistungsgedanken sowie der Bedürftigkeit andererseits, bleibt unter den heutigen Möglichkeiten gesellschaftlicher Wohlfahrt und damit der Freiheit der Individuen weit zurück. Darüber hinaus wird diese Ethik spätestens im Fortschreiten weiterer Automatisiserung auf ihre natürlichen Rechtfertigbarkeitsgrenzen stoßen.

2. Damit einher muss eine Aufbrechung des Leistungsbegriffs gehen. Dies geht allerdings nicht, ohne einen anderen Bereich der Ethik zu tangieren: den der Arbeitsethik. Auch sie ist in ihrer jetzigen Form nicht mehr für die veränderten Rahmenbedingungen ihrer Umwelt geeignet. Es muss also erneut gefragt werden, was Arbeit in Zukunft für eine Aufgabe hat und was für Anreize eine Ethik dafür bieten muss.

All diese Themen sind ureigenste Bereiche der Politik. Ich glaube aber, es reicht nicht aus, einfach eine politische Neuaushandlung der Umverteilungsprozentsätze und der Veränderung der Arbeitsrahmenbedingungen zu fordern. Die Veränderungen, die die Piratenpartei vorschlägt und die meines Erachtens auch notwendig sind, sind zu tiefgreifend und Systemfremd, als dass sie sich einfach so implementieren ließen. Mit der politischen Veränderung – eigentlich ihr voraus – muss ein verändertes Denken einhergehen, ein Bewusstseinswandel, vielleicht sogar eine Umwertung der Werte.

Ich will ein paar Vorschläge unterbreiten, wie dieses Denken aussehen könnte. Darüber hinaus will ich anhand der Beispiele skizziern, wie wie Ethiken in Konflikt mit sich verändernden Realitäten geraten können und wie sich aus der Antizipation von Trends neue Ethiken ableiten lassen. Dahinter steht eine Haltung, Ethik weniger als eine feststehende und unveränderliche, transzendentale Wahrheit zu begreifen, sondern mehr als veränderbares Tool zu verstehen, das unterschiedlich gut angewandt werden kann und hier und da ein Update braucht.


Michael Seemann,
geboren 1977, studierte Angewandte Kulturwissenschaft in Lüneburg. Seitdem arbeitet er an seiner Doktorarbeit über philosophische Theorien des Archivs und ist seit 2005 mit verschiedenen Projekten im Internet aktiv. Er gründete twitkrit.de und die Twitterlesung, organisierte verschiedene Veranstaltungen und betreibt den Podcast wir.muessenreden.de. Vor einem Jahr begann er das Blog CTRL-Verlust zuerst bei der FAZ, seit September auf eigene Faust, in dem er über den Verlust der Kontrolle über die Daten im Internet schreibt. Normal bloggt er unter mspr0.de http://mspr0.de/ und schreibt unregelmäßig für verschiedene Medien wie RollingStone, ZEIT Online, c’t und das DU Magazin.

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2 Responses to Programm: Jenseits der Sklavenmoral

  1. njh says:

    Bitte (noch) mal Korrekturlesen. Ansonsten könnte sich der Eindruck breit machen, die entwickelte (zu entwickelnde?) Position sei ebenso grundlegenden handwerklichen Mängeln behaftet, wie ihre Darbietungsform. Wäre schade, da der Weg, der hier gedanklich beschritten wird, gesellschaftlich zentraler nicht sein kann.

  2. Pingback: Termine im September « H I E R

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